Auf Jaffna war ich wirklich sehr gespannt. Die meisten Besucher Sri Lankas sparen die Stadt wohl komplett aus. Kein Wunder, so wirkliche Touristenmagnete gibt es nicht, die Infrastruktur scheint auch sieben Jahre nach Ende des Bürgerkrieges noch nicht besonders gut und von Colombo aus ist man selbst mit dem Expresszug einen halben Tag unterwegs.

Doch die Stadt und vor allem ihre Menschen haben einen ganz besonderen Charme, den wir so selbst in happy, friendly Sri Lanka noch nicht kennen gelernt haben.

Jaffna is a place where Tourism hasn’t developed fully, sagte uns ein anderer Reisender in Ella. No shit, mate!, denke ich mir, während wir im Threewheeler vom Bahnhof zu unserem Guesthouse düsen.

Die Strassen sind eng, die Häuser dahinter liegen in halb verwilderten Gärten, manchmal wandeln Kühe über die Straße. Das Ganze wirkt mehr wie ein endloses Dorf, als wie die fast Hauptstadt eines kleines Staates im Staate.

Na gut, der Bürgerkrieg ist noch nicht lange her, viele Einwohner wollten raus aus der Stadt. Die ganze Wirtschaft, Religion, Kultur, das alles war lange nur auf der Sparflamme unterwegs und läuft nun erst wieder richtig an.

Der Sri Lankanische Norden ist hauptsächlich bewohnt von der zweitgrößten Bevölkerungsgruppe der Insel: Den Tamilien.

Zwischen den zwei großen Ethnien, den vornehmlich hinduistischen Tamilen und den vornehmliche Buddhistischen Singhalesen kam es nach der Unabhängigkeit Sri Lankas zu Reibereien die schließlich in einem fast 25 Jahre mal mehr mal weniger schwelenden und auf flackernden Bürgerkrieg gipfelten.

Wir lernen Jaffna als unheimlich freundliche Stadt kennen. Vor fast zehn Jahren - verdammt bin ich alt! - war ich schon mal in Burma unterwegs. Auch dort sprachen mich Leute auf der Strasse an, hießen mich in ihrem Land, ihrer Stadt willkommen und verschwanden dann einfach wieder. Jaffna erinnert mich stark daran. Dazu trägt auch bei, das wir während unseres Besuches kaum andere Weisse sehen.

Unser Guesthouse ist in der Nähe des größten Hindutempels des ganzen Landes untergebracht. Während vorher häufig Hindus und Buddhisten sich einen Tempel teilten, sind die Hindus in Jaffna eindeutig die prädominante Religion.

Der Nallur Kandasamy Kovil ist eine wirklich große Angelegenheit, innen aber für den europäischen Geschmack erstaunlich leer um nicht zu sagen karg. Ein Erlebnis, das sich später noch wiederholen wird. In einem anderen Tempel besteht die komplette Einrichtung anscheinend aus ein paar angebundenen Kühen und einigen naiven Wandmalereien.

Die andere große Attraktion stellt das alte, holländische Fort dar. Gross - das muss man zugeben - ist das Ding wirklich. Es handelt sich um einen sternförmigen Bau direkt an der Lagune. Das Fort ist allerdings fast komplett verfallen, innen grasen ein paar Kühe und Ziegen.

Das ganze Areal wirkt etwas verwahrlost, an einem Sternzacken campen anscheinend ein paar äquivalent verlotterte paramilitärische Typen mit Kalaschnikows. Wenn das Sicherheitskräfte sind, verfehlen sie irgendwie ihre beruhigende Wirkung auf mich.

Ein paar Locals wollen wieder Foto mit uns machen, Where are you from? - aha, hm, hm, bestimmt nett gemeint. Aktuell wirkt es aber eher etwas creepy auf mich und ich bin froh, also wir das Fort hinter uns lassen.

Zumindest die Kühe waren nett. Überhaupt: Die Kühe! Wir sind hier wirklich näher an Indien, als an Colombo. Über all laufen Kühe rum, egal ob in der Stadt, im Fort, nachts in irgendwelchen dunklen Ecken. Kurioserweise treffen wir sie sogar vor dem Laden für Viehbedarf. Wobei - betrachtet man es logisch - das eigentlich der interessanteste Ort aus Kuhperspektive sein dürfte.

So richtig fasznierend kommt mir Jaffna Downtown rund um den Markt vor. Es ist dreckig, stinkt, man tritt mitten in der Stadt in die Hinterlassenschaften der Kühe.

Dafür quirlt das Leben um einen herum, ständig versucht sich jemand vorbei zu drängeln, überall liegt Zeug rum. Ständig schreit jemand. Es ist das völlige Chaos, kommt mir vor wie im Ameisenbau. Trotzdem scheint alles irgendwie zu funktionieren, verbingt man etwas Zeit vor Ort, ergibt das meiste einen Sinn. Immer wieder zwischendurch Smalltalk mit den Locals: Hello Sir, where from? How you like Sri Lanka? You like Jaffna?

Während das später auf der Reise - z.B. in Colombo - immer wieder Einstieg in ungewollte Verkaufsgespräche, halbseidene Angebote sein wird, scheint hier hauptsächlich genuine Neugierde hinter den Fragen zu stecken.

DIe Straßen hier sind eigentlich ein Eldorado für jeden Fotografen, ständig spielen sich interessante Szenen, kuriose Interaktionen, seltsame Wechselspiele ab. Als Street-Fotograf könnte man wahrscheinlich Wochen nur auf dem Markt zubringen.

Zum ersten Mal so ganz bewusst stolpern wir auch über eine christliche Kirche, sogar der Gottesdienst scheint gerade ab zu laufen. Die Liturgie scheint aber irgendwie anders gepolt als ich das noch so kenne. Der Pfarrer sitzt vorne, irgendwas läuft vom Band. In Tamil, wir verstehen also nicht mal Bahnhof. Atmosphärisch erinnert es mich etwas an eine dieser Buddhistischen Endlosvorlesungen, die gerne in Taxis oder Reisebussen laufen und problemlos halbtägige Fahrten mit monotonen Hintergrundsprech füllen.

Unseren zweiten Tag wollten wir eigentlich eine der vorgelagerten Inseln besuchen, ich verschlafe und vertrödele allerdings unsere Fähre, so das wir schließlich den Tag mit einem weiteren Besuch auf dem Markt, dem Organisieren unserer Weiterfahrt und einer großen Portion Eis verbringen.

Es wird sich auch noch ein Abenteuer anschließen, aber das ist eine andere Story.