Es ist morgens in aller Herrgottsfrühe, unter uns knattert ein unter Volldampf laufender Zweitakter und vor uns knottert ein offensichtlich recht angepisster Tuktukfahrer während surrealistische Landschaftsfragmente an uns vorrüber ziehen. Ein paar schlafende Kühe im Scheinwerferlicht, Schlaglöcher, Telefonmasten, kämpfende Hunde, schemenhafte Reisfelder, die sich im Dunkel verlieren.

Unser Zug nach Colombo soll in einer viertel Stunde abfahren und der Minutenzeiger tickt unaufhörlich Richtung Abfahrt, während wir uns in einem auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigtem Tuktuk auf linearer Bahn vom Stadtzentrum, dem Bahnhof und der Zivilisation entfernen.

Was ist los? Wie konnte es so weit kommen?

Es ist eine Geschichte von Mißverständnissen, Kommunikationsschwierigkeiten und all den anderen Faktoren, die Reisen zu so einem Hort der neuen Erfahrungen werden lassen.

Es gibt ein Problem, dem sich fast alle Menschen stellen müssen, die länger als ein paar Tage unterwegs sein wollen: Der Wäsche.

Die Zeiten als sich der Europäer mit einem Tross an Bediensteten, dem eigenen Bett und eine paar Kleidertruhen durch’s bunte Ceylon begab sind vorbei. Wir sind mit einem Rollkoffer, ein paar Klamotten und etwas Elektronik unterwegs. Kleidung gewaschen wird unterwegs.

Eine der ersten Amtshandlungen in jeder neuen Station ist also im Guesthouse die Wäsche abgeben.

Jaffna ist nun - bei aller Liebe - nicht unbedingt der sauber geputze Bauchnabel der Welt und die wirklich bemühten Jungs im Guesthouse machen ziemlich genau den Eindruck völlig aus den Wolken zu fallen, als ich nach Laundry Service frage. Die Strasse runter, da gäbe es wohl so etwas.

Na gut, gesucht, gefunden und abgegeben. Wir bekommen sogar einen Zettel, mit Rückgabe-Datum: Übermorgen nachmittags. Alles klar.

Der Wäschemann ist von der ganz jovialen Sorte und hat sichtbar Freude an Foreigners mit denen er Business machen kann. Deutlich wird neben dem breiten Grinsen auch am Highspeed-Kopfwackeln.

Wer noch nicht in Indien, Sri Lanka oder Burma war, kennt die Nummer wahrscheinlich noch nicht. Hier hat sich eine - für Europäer ziemlich verwirrende - Form der nonverbalen Kommunikation etabliert.

Statt einem “Ja” oder dem bei uns üblichen Nicken, also der auf und ab Bewegung des Kopfes wird der Kopf auf einer angedeuteten Kreisbahn seitwärts bewegt, wobei das Gesicht jedoch nach vorne ausgerichtet bleibt.

Die Geste kann so viel wie “Ja”, Zustimmung, Aufmerksamkeit bedeuten. Üblicherweise wird dazu ein komplett nonresponsives Mienenspiel serviert. Im ersten Moment ist die Anmutung ziemlich verwirrend. Man stellt eine Frage und wie von Geisterhand fangen alle anwesenden Köpfe an zu wippen wie Bäume im Wind.

Wir schauen uns also Jaffna an, freuen uns auf frische, flauschige Unterbuchsen und düsen an Tag zwei der Besichtigungsrunde zum Bahnhof, Tickets für die nächste Station besorgen um ziemlich erschreckt fest zu stellen: Der angepeilte Zug ist voll.

Die einzige Möglichkeit am geplanten Tag nach Colombo zu kommen ist der Frühmorgenszug um erschreckende sechs Uhr morgens. Oh Crap

Und nun geht es los. Zurück beim Wäschemann, der in diesem Moment nicht nur im Besitz von gefühlten 95% unserer Unterwäsche ist, sondern auch mein Lieblings-Vintage-Hawaiihemd in meterhohen Wäschstapeln vergraben hat, versuchen wir zu verklickern, das wir irgendwie heute noch unseren Kram brauchen, nass, ungewaschen, egal.

Die Leute hier sprechen eigentlich recht gut Englisch, zumindest wenn es um vorhersehbare Situationen geht. Geht man z.B. in ein Restaurant, kann man gut bestellen oder fragen wie bestimmte Sachen heißen, ob sie mit oder ohne Fleisch sind oder man eine Gabel bekommen könnte. In einem Tempel kann man nach den Namen der Götter fragen, an der Busstation nach der Abfahrtszeit. Alles supi.

Fragt man dagegen im Restaurant nach der Abfahrtszeit, an der Busstation wie Hühnchen auf Tamil heißt oder im Tempel nach den letzten UFO-Sichtungen wird es schwierig. Kognitive Dissonanz, die eigentlich gewohnte Situation bekommt plötzlich einen unvorhersehbaren Inhalt.

Beim Wäschemann äussert sich das nicht zuletzt in einem neuerlichen Anfall von mehrdimensionalen Highspeedkopfwackeln. Kurz vor einer verrenkten Halswirbelsäule schaltet sich auch noch unser Tuktuk-Fahrer ein und in der folgenden vier Mann Kreisdiskussion scheint es irgendwann beschlossene Sache zu sein, das wir unseren Sachen morgens, halb sechs abholen können.

Erleichtert lassen wir uns ins Stadtzentrum fahren, schauen uns den Markt an und benehmen uns wie Touristen ohne Sorge und Gedanken.

Am nächsten Morgen allerdings starren wir in die großen, starren und entgeisterten Blicke eines neuen Tuktuk-Fahrers und des Nachtportiers. Wir wollen morgens um halb sechs - mitten in der Nacht - Wäsche abholen?

Die beiden diskutieren eine gefühlte halbe Stunde untereinander über diesen seltsamen Irrsinn, während wir rum stehen und mit den Füßen scharren. Der hat das doch so gesagt, warum fahren wir nicht?

Jaffna ist anscheinend noch ein bisschen kleiner als wir uns das vorgestellt haben, zumindest scheint TukTuk-Mann die Nummer von Wäsche-Mann zu kennen und mit ihm zu telefonieren, dann wieder mit dem Nachtportier zu sprechen, zum Schluss kommen beide auf uns zu. Wir sollen mehr für’s TukTuk bezahlen es wäre alles very far.

Wir begreifen zwar nicht, wiso die Wäscherei in der nächsten Straße so weit weg ist, aber egal. Hauptsache wir bekommen die Buchsen zurück.

Und so beginnt die wilde Hatz. Unser Tuktuk düst durchs noch schlafende Jaffna als wäre der Leibhaftige auf unseren Fersen und spätestens als wir die Stadt komplett hinter uns gelassen haben und durch die pechschwarze Nacht über’s platte Land rasen, beginnen wir uns langsam zu fragen ob und wann wir wohl an unsere Wäsche kommen.

Irgendwann, als ich nach einigen, immer verzweifelter werdenden, Blicken auf die Uhr die Hoffnung schon fast aufgeben habe, schlittert unser Tuktuk in einer Vollbremsung auf einen kleinen, hellen Fleck zu.

Die kleine Lichtquelle entpuppt sich als das hoch gereckte Handy unseres Wäschemannes, der sich völlig verschwitzt, mit einem Plastikbeutel, auf einem Fahrrad sitzend aus der Dunkelheit schält.

Der arme Kerl ist uns offensichtlich auf der stockdunklen Landstrasse auf seinem Rad entgegen gestrampelt. Der Schweiss läuft ihm in dicken Bahnen den wackelnden Kopf runter, unter dem buschigen Schnorres ein breites Grinsen. Er scheint die ganze Nummer ziemlich irre, aber recht amüsant zu finden. Ich bedanke mich herzlich, springe ins Tuktuk und wir rasen unter Volldampf auf den Bahnhof zu.

Wenig später, bei Roti mit einer Soße, die zwar kalt ist, sich aber im Mund in glühende Lava zu verwandeln scheint, sitzen wir in unserem Zug und sinnieren, wie das nun eigentlich abgelaufen ist. Hatte uns Wäsche-Mann falsch verstanden? War es einfach nur die große Abneigung “Nein” zu sagen? Haben wir die Zeichen falsch gedeutet?

Reisen bildet ohne Zweifel, manche Lektionen müssen aber offensichtlich nachwirken.

P.S.: Die Bilder stammen aus der Feder meiner wunderbaren Frau, der Text von mir. Die Rechtschreibfehler hat der Teufel gemacht.